Heidewasser - LKR Konzept zur Erhaltung des Grundwassers in der Nordheide - LKR Landkreis Harburg
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Heidewasser – LKR Konzept zur Erhaltung des Grundwassers in der Nordheide

Trinkwasser – ein Lebensmittel

Ohne Wasser ist auf unserer Erde kein Leben möglich. Aus dieser Erkenntnis heraus entsteht die Verpflichtung, mit diesem Lebensmittel sorgsam, schonend und verantwortlich umzugehen.

Seit Jahren findet um das Thema Grundwasser eine Auseinandersetzung zwischen Hamburg-Wasser und – nach der Auflösung der Regionalregierungen – dem Landkreis Harburg statt. Hamburg gibt an, auf das geförderte Grundwasser der Heide nicht verzichten zu können und möchte seine Fördermenge erhöht und garantiert sehen.

Ein kurzer Abriss

Die Lüneburger Heide ist eine von der Saale- und der Weichsel-Kaltzeit geprägte Grund- und Endmoränenlandschaft. Sie ist eine von Hochmooren begrenzte Trockensteppe, die durch eine mehrere Jahrtausende andauernde Plaggenwirtschaft und Überweidung eine besondere Bodenstruktur aus einem leichten Geschiebedecksand und einem daruntergelegenen wasserundurchlässigen Ortstein aufweist. Niederschläge, die wegen des Ortsteins nicht versickern konnten, spülten nahezu alle Nährstoffe aus dem Oberboden aus (Heidesand) und wurden durch die Heideflüsse in die Flussysteme von Elbe und Weser geleitet.

Die Lage der Hochmoore ließ nur wenige, dann meist schnurgerade und sehr lange Wege in und durch die Heide zu, die als Heer- und Transportwege genutzt worden sind. Aufgrund der geringen Siedlungsdichte war eine Reise durch die Lüneburger Heide bis ins 19.-te Jahrhundert eine beschwerliche und von Wassermangel geprägte Reise, die von vielen Zeitgenossen als sehr belastend geschildert worden ist.

Die Heide – eine Wüste

So beschrieb zum Beispiel der dänische Dichter Jens Immanuel Baggesen (1764 – 1826) die Lüneburger Heide nach ihrer Durchquerung am 22. August 1794 in seinem Reisebericht Labyrinth als eine Wüste, deren “leere Blätter” zu füllen sich die schriftstellerische Phantasie herausfordert fühle:

„ Die ganz neue Natur hier – so verschrieen sie übrigens ist – versuchte mich, eine nähere Bekanntschaft mit ihr zu treffen. Ueberhaupt war es seit meiner Jugend einer meiner Leibwünsche, einmal eine Wüste zu durchwandeln. Eine solche Gegend, ohne Anhöhen, also auch ohne Thäler, ohne wilde oder zahme Laubgewächse, ohne Seen, ohne Bäche, ohne Spuren von Bewohntheit – kann mit einem Folianten verglichen werden, der aus lauter reinen Blättern besteht. [S. 25 …] Je weiter ich vorwärts in meiner Wüste kam, desto angenehmer und interessanter ward sie mir. Freylich entdeckte mein äußerliches Auge nichts als Haide, und hier und dort einzelne verkrüppelte Nadelholzbäume, – Alles lag um mich her in einer unabsehbaren, schwarzgrauen, nackten Fläche verbreitet. [S. 26…] Nichts als Haide und Haide und abermals Haide. […] Alles war leer, einförmig, trocken, kalt, todt, gleichgültig, unausstehlich.

Wandsbeck bis Pyrmont. Uebersetzung aus Baggesens Labyrinth von Carl Friedrich Cramer. Altona und Leipzig 1795. S. 24 ff. books.google

Nun muss man seine Beschreibung der Heide nicht teilen, neben Baggesen beschrieben verschiedene Dichter und Schriftsteller wie z.B. Karl Gottlob Küttner (1755 – 1805)  oder Michel Ange Bernard de Mangourit du Champ-Duguet (1752 – 1829) die Heide in ebenso mehr oder weniger gelungener Weise.

Allen Beschreibungen gemein ist, dass die Heide sandig und trocken sei.

Die Situation heute

Heute leben in unserem Landkreis Harburg in der Nordheide alleine ca. 250.000 Menschen.

Der Wasserbedarf der Einwohner im Landkreis Harburg beträgt aktuell (2019) ca. 13,5 Mio m³, die Deckung des Wasserbedarfs im Landkreis erfolgt durch:

  • ca. 11 Mio. m³ durch den Wasserbeschaffungsverband Harburg (WBV) 
  • ca. 1,4 Mio. m³ durch die Stadtwerke Buchholz   
  • ca. 1 Mio. m³ durch die Wasserversorgungsgenossenschaft Hanstedt eG.

Nach Auskunft der Kreisverwaltung vom 08.12.2020 auf eine SPD-Anfrage betrug die Wasserentnahme aus der Nordheide jedoch 38,5 Mio. m³, davon waren 29,9 Mio. m³ für die öffentliche Wasserversorgung bestimmt.

Die Differenz zwischen dem geförderten Eigenbedarf in Höhe von 13,5 Mio m³ und der tatsächlichen Entnahme von 29,9 Mio m³ für die öffentliche Wasserversorgung liegt darin begründet, dass Hamburg-Wasser pro Jahr mindestens 16 Mio m³ Wasser aus der Nordheide entnimmt. In Spitzenzeiten darf die Wasserentnahme bis zu 18,4 Mio. m³ betragen – pro Jahr.

Diese enorme Menge lässt sich am besten so begreifen, dass Hamburg-Wasser zur offensichtlich freien Verfügung jedes Jahr das Volumen von bis zu 4.906 olympischen Schwimmbecken aus der Nordheide pumpen darf.

Aktuell laufen vor den verschiedensten Gerichten Klagen von z.B. Bürgerinitiativen oder auch Hamburg-Wasser mit dem Ziel, die Entnahmemenge zu reduzieren (Interessengemeinschaft Grundwasserschutz Nordheide e.V. – IGN) oder die Fördermenge weiter zu erhöhen (Hamburg-Wasser).

Wasserbedarf vs. Ressource

Dass eine Großstadt wie Hamburg sich nicht alleine aus eigenen Quellen mit Wasser versorgen kann, leuchtet ein, zumal Hamburg ein weiteres Wachstum bis nahe an die Einwohnerzahl von zwei Millionen erwartet – auch wenn man das Seitens Hamburg-Wasser bestreitet. Dementsprechend kämpft Hamburg um eine weitere Erhöhung der Fördermenge in der Nordheide.

An der Stelle beginnt das Problem für die Nordheide existenziell zu werden. Die Nordheide ist schon alleine aus Gründen der geologischen Bodenstruktur eine „trockene“ Region und leidet bereits heute erheblich unter dem Wasseranspruch von Hamburg-Wasser. Verschärfend erscheint, dass die jährlichen Regenmengen in der Nordheide längerfristig abnehmen sollen.

Die abnehmenden Grundwasserpegel in der Nordheide zeigen auf, dass die aktuelle Fördermenge bereits an den Ressourcen zehrt.

Beispiele:

Die Absenkung des Grundwasserspiegels von über einem Meter in nur wenigen Jahren verdeutlicht das Problem, dass die Vegetation, die örtliche Landwirtschaft sowie den Wasserhaushalt der Region als Ganzes bedroht. Die “Klimawirkungsstudie Niedersachsen” macht an der Stelle wenig Hoffnung auf Besserung der Situation.

Das Konzept

Der Hintergrund des Antrages der LKR-Kreistagsfraktion ist, für den Landkreis die Versickerung von aufbereitetem Elbwasser in der Nordheide zu beschließen. Dieses Modell – im Norden bisher unbekannt – wird z.B. im hessischen Ried seit 1989 in ähnlicher Form erfolgreich praktiziert.  Hintergrund dort war und ist der ständig wachsende Trinkwasserbedarf Frankfurts, der seit Beginn  der  60er Jahre nur noch aus dem Umland heraus gestillt werden konnte. In der Folge pumpte Frankfurt und die angrenzenden Städte das hessische Ried „leer“.

Die Situation ist für die Nordheide ähnlich gegeben, wir stehen allerdings erst am “Anfang” der Problematik und haben jetzt die Zeit, durch entschlossenes Handeln die gröbsten Folgen noch abwenden zu können. 

Das Modell sieht in vereinfachter Form wie folgt aus:

  • Kurz vor der Staustufe Geesthacht wird das benötigte Wasser zur Aufbereitung entnommen. Der Entnahmepunkt stellt sicher, dass reines Süßwasser entnommen werden kann und beeinflusst den Wasserstand unterhalb der der Staustufe nicht, da ab Geesthacht der Tidebereich der Elbe beginnt.
  • In unmittelbarer Elbnähe sorgt ein geeignetes Klärwerk ähnlich dem Werk im hessischen Biebesheim für die Aufbereitung des Elbwassers und befreit das Wasser von Schadstoffen.
  • Das aufbereitete Wasser wird in einer Hauptleitung zu den Infiltrationsgebieten gepumpt und dort durch ein Grundwassermanagement automatisch den einzelnen Infiltrationsorten zugewiesen
  • An den Infiltrationsorten ist durch eine geeignete Infiltrationsanlage eine den Erfordernissen geeignete Methode zu wählen.

Die LKR Prinzipskizze zur Infiltration:

Die zur Verfügung stehenden und erprobten Infiltrationsmethoden sind:

Die Landwirtschaft im Landkreis kann zur Lösung beitragen

Einen besonderen Teil des LKR Antrages stellt die Bereitstellung des aufbereitetem Elbwassers für die Landwirtschaft im Landkreis dar. Durch die sinkenden Grundwasserspiegel steht zu befürchten, dass ähnlich wie im Landkreis Uelzen, in näherer Zukunft auch im Landkreis Harburg die Landwirte mit einem zugeteilten Wasserkontingent zur Bewässerung ihrer Felder auskommen müssen. Die Beregnung der Felder hilft nicht nur der Landwirtschaft, die ihre Brunnen immer tiefer bohren müssen, auch eine Kontigentierung würde der Landwirtschaft so erspart bleiben. Zusätzlich stellt die Beregnung einen Teil der Infiltrationsmöglichkeiten dar.

Resümee

Wir betrachten diese Lösung der langfristig gesicherte Nivelierung des Grundwasserspiegels in der Nordheide auf Normal-Niveauals als das, was man neudeutsch als “Win-Win” Situation beschreibt. Es gibt keine Benachteiligten, das LKR Konzept stellt eine langfristige und vor allem für alle tragfähige Lösung dar:

  • Der aktiv normalisierte Grundwasserspiegel stellt eine berechenbare Bemessungsgröße für jede zukunftsorientierte Planung dar
  • Dem Austrockenen der Moore sowie der ökologisch wertvollen Landstriche wird aktiv entgegengetreten
  • Die Landwirtschaft hat bei Bedarf Zugriff auf Wasser zur Beregnung ihrer Felder
  • Hamburg kann mit einer gesicherten Wasserversorgung rechnen
  • Die Wasserversorgung der Nordheide ist gesichert
  • Die heimischen Pflanzen- und Baumarten können bestehen bleiben

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